«Es gibt nur Verlierer»

Bieler Tagblatt online 26.09.2015

«Es gibt nur Verlierer»

Konsternation beim Neuen Museum Biel und beim Theater Orchester Biel Solothurn: Die geforderten Kürzungen seien nur mit drastischen Leistungskürzungen zu schaffen, sagen deren Leiter.

Tobias Graden
Die Bieler Kulturszene ist am Donnerstagabend hart auf dem Boden der stadtpolitischen Realität gelandet. Mit relativ knappen Mehrheiten hat der Stadtrat Kürzungen sowohl beim Theater Orchester Biel Solothurn (Tobs) als auch beim Neuen Museum Biel (NMB) beschlossen (vgl. BT von gestern).
Dies, obwohl Kulturdirektor Cédric Némitz im Rat die gemeinderätliche Haltung verteidigte, die er bereits in der Antwort auf die entsprechende überparteiliche Motion dargelegt hatte. Am Endedes Abends waren die Subventionskürzungen beschlossen:Um 360000 Franken bei Tobs, um 90000 Franken beim NMB.

NMB:Verzicht auf einen Bereich?

Bei den betroffenen Institutionen ist die Konsternation gross. «Der Entscheid hat mich persönlich getroffen», sagt Pietro Scandola, Direktor des NMB, «ich sehe die Arbeit der letzten zehn Jahre in Frage gestellt.» Er spricht damit den langwierigen Fusionsprozess an:«Zehn Jahre Vorarbeit, drei Expertenkommissionen, unzählige Sitzungen… und bloss drei Jahre nach der Eröffnung des NMB ist dies alles bereits wieder in Frage gestellt? Das ist ganz schlechte Politik.»
Aufgrund des Verteilschlüssels wird das NMB nicht nur auf 90000, sondern auf 180000 Franken verzichten müssen – denn die Subventionen sind hälftig auf Stadt und Kanton verteilt. «Mit einer Ausstellung weniger pro Jahr lässt sich dieser Verlust nicht auffangen», sagt Scandola. Zentral für den Publikumserfolg des NMB sind die vier Sonderausstellungen pro Jahr. Um die Kosten um den geforderten Betrag zu senken, müsste Scandola nach eigenen Angaben auf zwei davon verzichten – was aber keinen Sinn macht, da das Museum so entsprechend weniger Besucher anziehen würde. Kurz:«Ohne grossen Einschnitt lassen sich nicht zehn Prozent der Subventionen einsparen.»
Das bedeutet, dass das NMB auf einen der drei Bereiche Kunst, Archäologie oder Geschichte verzichten müsste oder eines seiner Häuser nicht mehr bespielen würde. Jede solche Massnahme wäre aber nicht zuletzt auch aufgrund juristischer Verpflichtungen heikel;die Bewirtschaftung der archäologischen Sammlung Schwab beispielsweise ist mit Verpflichtungen verbunden.
Eine Erhöhung der Drittmittel ist laut Scandola so einfach nicht. Das Museum weist einen Eigenfinanzierungsgrad von 17 Prozent auf, was für ein kulturhistorisches Museum guten Schweizer Durchschnitt bedeutet. Eine Erhöhung der Eintrittspreise ist denkbar, spielt aber nur einen Bruchteil des wegbrechenden Betrags ein. Sämtliche Ankäufe in der Höhe von 40000 bis 60000 Franken jährlich werden bereits jetzt privat finanziert, und was Sponsoring durch Unternehmen betrifft, so sei Biel ein hartes Pflaster, führt Scandola aus. Als das damalige Museum Neuhaus eine Ausstellung zur Geschichte der Uhrenindustrie veranstaltete, zeigte die Swatch Group kein Interesse an Unterstützung. Drittmittel lassen sich eher über Stiftungen wie Vinetum von Franziska Borer-Winzenried organisieren, dem Mitglied der früheren Rolex-Besitzerfamilie.

Tobs:Verzicht auf eine Sparte?

Auch Dieter Kaegi sitzt der Schock am Tag danach noch in den Gliedern:«Ich habe heute verunsicherte Mitarbeiter getröstet», sagt der Intendant von Tobs. Die Subventionskürzung Biels um 360000 Franken bedeutet für Tobs, dass der Institution wegen des Verteilschlüssels (es beteiligen sich auch der Kanton Bern, die Stadt Solothurn sowie die Regionale Kulturkonferenz) ab 2018 eine Million Franken fehlen werden.
Zwar sei es noch zu früh, um konkrete Massnahmen zu nennen. Doch Kaegi hatte bereits im Vorfeld klargemacht, dass man um harte Einschnitte wie eine Spartenschliessung kaum herumkomme. Er habe in der Stadtratsdebatte die tiefere Einsicht in die Materie vermisst, sagt der Intendant:«90 Prozent unseres Aufwands sind Fixkosten, diese lassen sich nicht ohne deutliche Leistungskürzungen reduzieren. Und sobald wir beispielsweise eine Produktion streichen, fehlen uns auch die Einnahmen, die wir mit ihr durch Eintritte generieren würden.»
Was eine Erhöhung der Drittmittel betrifft, so betont Kaegi:«Wir tun, was wir können. Ab 2017 wollen wir 100000 Franken zusätzlich durch Drittmittel generieren, das haben wir in der Spardebatte selber vorgeschlagen.»

Kritik aus Solothurn

Verärgert ist Solothurns Stadtpräsident Kurt Fluri. Er nennt den gestrigen Beschluss ein «Spiel mit dem Feuer», und er sagt auch als FDP-Politiker: «Ich hätte nicht gedacht, dass dieser so ausfällt.» Es wäre theoretisch denkbar, dass Solothurn den Bieler Betrag kompensiert, «doch das ist nicht realistisch».
Die Möglichkeit zu leicht verträglichen Sparmassnahmen sieht er nicht:«Tobs läuft jetzt schon auf dem Zahnfleisch, das bestätigen uns die regelmässigen Revisionsberichte. Es ist nicht mal möglich, Rückstellungen zu bilden, und das Ensemble ist ohnehin schon klein.» Der «womöglich wieder aufkommenden unsäglichen Idee eines Projektorchesters» erteilt Fluri im Voraus eine Absage, und eine Spartenschliessung wolle er nicht hinnehmen:«Das wäre das Ende des Städtebundtheaters.»
Teres Liechti-Gertsch, die als Initiantin der Bewegung «Pro Orchester» im Frühling 14000 Unterschriften gesammelt hatte, sagt: «Offenbar hat die Stadtratsmehrheit diese Leute vergessen.» Dass Tobs nichts anderes übrig bleibe, als eine Sparte zu schliessen, sei für sie «nachvollziehbar». Für den 12. Oktober lädt der Verein «Freunde des SOBS» zu einem Anlass in die Residenz au Lac:«Bürgerliche sind herzlich eingeladen, bei der Suche nach neuen privaten Mitteln zu helfen.»

«Ein Machtspiel»

Der bürgerliche Fluri kritisiert die Bieler Entscheidfindung überhaupt:«Da werden politische Spiele auf dem Buckel der Menschen ausgetragen.» Bei den Löhnen sparen lasse sich bei Tobs jedenfalls nicht, die seien ohnehin schon tief genug. «Mein Eindruck: Es handelt sich um ein Machtspiel zwischen Stadtrat und Gemeinderat.»
Dieter Kaegi kritisiert ähnlich:«Die bürgerliche Seite braucht uns als Bauernopfer.» Er sagt aber auch, der Entscheid sei von bürgerlicher Seite einer gegen deren eigene Wählerschaft:«Der Grossteil unseres Publikums sind bürgerliche Wähler.»Er sieht die Subventionskürzung auch als «Angriff auf den Standort Biel». Pietro Scandola pflichtet bei: «Das ist kurzfristiges buchalterisches Denken.» Die Attraktivität Biels steige so nicht. Und:«Es ist Links-grün, welches das bürgerliche Kulturererbe der Stadt verteidigt.»

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