Eine „Extra-Sau“ für Aussergewöhnliches | Bieler Tagblatt

Bieler Tagblatt

30.5.2014

Eine «Extra-Sau» für Aussergewöhnliches

Der erste Teil des von Cédric Némitz lancierten Prozesses ist nun vorbei. Zeit, den Bieler Kulturdirektor nach einem Zwischenfazit zur Kulturdebatte zu fragen und in Erfahrung zu bringen, welche Ideen die beste Chance auf eine Realisierung haben.

Eine Extra-Sau für AussergewöhnlichesDie Bieler Kulturdelegierte Eszter Gyarmathy ist an der vierten Table ronde im Fokus gestanden, denn es ging unter anderem um die Leistungen der Dienststelle für Kultur. Bild: Olivier Gresset

Kulturdebatte Biel

04.04.2014, 17:12
Kulturdebatte Biel
Welche Kultur braucht Biel? Mitte März 2014 hat der Kulturdirektor Cédric Némitz unter dem Titel «Reden wir…»

von Simone Tanner

Nach der Kick-off-Veranstaltung und den vier Tables rondes ist der erste Teil des Prozesses zur Überarbeitung der aktuellen Bieler Kulturförderung und Kulturpolitik beendet. Am vierten runden Tisch war das Interesse minim kleiner als bisher. Gegen 60 Kulturleute – diesmal auffallend viele freischaffende Künstlerinnen und Künstler – diskutierten die letzten drei Themen. Eines davon war die Rolle der Dienststelle für Kultur, namentlich der Kulturdelegierten Eszter Gyarmathy. Es sei mutig von Cédric Némitz und Eszter Gyarmathy, auch die Leistungen der Kulturdienststelle aufs Tapet zu bringen, so ein Votum aus der Runde. Denn sie stand schon vermehrt in der Kritik.

Mehr Transparenz
Die Kritik an der Dienststelle wurde dann mit Bedacht formuliert. Auf den Flip-Chart-Blättern standen am Ende des Abends vor allem Wünsche: mehr Transparenz, mehr Präsenz, mehr Offenheit, mehr Lobby-Arbeit, weniger Administration und mehr Freude. Die Dienststelle solle die Interessen der Kulturschaffenden vertreten und zwischen ihnen vermitteln, nicht nur verwalten, so eine weitere Forderung. Teils bemängelten die Kulturschaffenden auch die fehlende Entscheidungsgewalt und die beschränkten Mittel von Eszter Gyarmathy.

Auch die Rolle der Kulturkommission, die über die Vergabe der Werkbeiträge und des Kulturpreises entscheidet, wurde diskutiert. Von ihr wünschen sich die Künstlerinnen und Künstler mehr Fachkompetenz und eine adäquate Vertretung aller Sparten.

Neue Förderinstrumente
In einer zweiten Gruppe beschäftigte man sich mit der Zusammenarbeit zwischen städtischen Stellen und der Kultur. Wie schon an allen drei vorherigen runden Tischen forderten die Kulturschaffenden erneut, die Kultur als Werbe- bzw. Marketinginstrument einzusetzen und dafür eine separate Stelle zu schaffen. Auch der Ruf nach einer Vision, einer Kulturstrategie wurde laut. Die konkretesten Vorschläge zeitigte der dritte Themenbereich: Förderinstrumente. Der Grossteil der Anwesenden stellte das Instrument der Leistungsverträge nicht infrage. Man wünscht sich aber eine «Extra-Sau», einen Kulturfonds, mit dem aussergewöhnliche Projekte finanziert werden können.

So geht es weiter
Es ist eine Menge an Vorschlägen und Wünschen, die an den vier Diskussionsabenden zusammengekommen ist. Kulturdirektor Cédric Némitz zeigte sich beeindruckt vom Engagement und der Qualität der Ergebnisse.

In circa sechs bis acht Arbeitsgruppen à vier bis fünf Personen sollen nun die besten Vorschläge pro Thema bearbeitet, vertieft und erweitert werden. Welches diese Themen und besten Ideen sind, entscheiden der Kultur- direktor und die Dienststelle für Kultur. Sie werden auch die Leute für die Arbeitsgruppen bestimmen, was bei einigen Kulturschaffenden bereits für Kritik gesorgt hat.

Die Gruppen setzen sich aus Vertretern grosser und kleiner Institutionen sowie Freischaffenden zusammen. Zudem werden gemäss Cédric Némitz je nach Thema Experten hinzugeholt – Finanzexperten, Marketingexperten, Kommunikationsexperten usw. Präsidiert werden die Gruppen von einem Mitglied der Kultur- oder Kunstkommission.

Ziel sei es, so Némitz, bereits bis im Sommer konkrete Vorschläge für eine künftige Kulturförderung erarbeitet zu haben. Daraus soll eine Synthese abgeleitet werden. Eine erste Version dieser Synthese geht im Herbst in Konsultation zu den Institutionen und der Bevölkerung. Den Schlussbericht will der Kulturdirektor Ende Jahr vorlegen. Danach wird es am Gemeinde- und Stadtrat und schliesslich an der Bieler Bevölkerung sein, darüber zu befinden.

Info: Alle Ergebnisse der Tables rondes sind auf der Website der Stadt publiziert: www.biel-bienne.ch unter Freizeit/Kultur

«Konkretes soll folgen»
«Wir haben sehr interessante Gespräche geführt und einige gute Vorschläge wurden erarbeitet. Ich denke da zum Beispiel an die Idee des Kulturkiosks als zentrale Informations-, Beratungs- und Ticketverkaufsstelle. Alles wird man nicht realisieren können, da muss man realistisch bleiben. Es geht aber auch darum, zu zeigen, was in Biel kulturell schon heute alles passiert. Das wäre meiner Meinung nach mit wenig Mehraufwand zu bewerkstelligen, indem die Stadt die Kultur gegen aussen besser verkaufen würde. Indem zum Beispiel das Stadtmarketing nebst dem Wirtschaftsmarketing auch mehr Kulturmarketing betriebe. Davon könnte sowohl die Stadt als auch die Kulturszene profitieren. Nach dieser Debatte soll nun etwas Konkretes folgen. Ich hoffe, dass die Diskussion nicht im Sand verläuft.» Pietro Scandola Direktor Neues Museum Biel

«Brücken bauen»
«Ich fand die Gespräche sehr interessant und inspirierend. Das ganze Spektrum der Kultur war präsent, das ermöglichte es, Brücken zu bauen. Die Tables rondes waren Türöffner für eine bessere und nachhaltige Zusammen- arbeit der einzelnen Akteure. Es war aber nicht immer einfach, einen Konsens zu finden. Kompromisse haben einige gute Vorschläge abgeschwächt, was allerdings wiederum dem politischen Prozess entspricht. Ohne zusätzliche Gelder wird es schwierig sein, die innovativen Ideen umzusetzen. Ich denke aber, dass sich durch die Debatte zumindest die Haltung der Behörden gegenüber der Kultur verändert, verbessert. Die Arbeitsgruppen müssen nun kompetente Arbeit leisten. Ich hoffe, dass man die Ideen und die Stimmung nutzen kann und nicht alles wieder in sich zusammenfällt.» Charlotte Huldi, Leiterin Théâtre de la Grenouille

«Tut der Szene gut»
«Für mich hat sich der Prozess bereits gelohnt, vor allem bezüglich der Anerkennung unserer Arbeit. Ich fand es gut, dass sich einmal alle Kulturschaffenden ausgetauscht haben. Das tut der Szene gut. Allerdings ist es nicht ganz allen gelungen, über ihr Gärtchen hinauszudenken. Es war toll, mal ein wenig visionär zu sein, bevor es wieder zurück in den Alltag geht. Ich bin realistisch und denke, dass viele Vorschläge wieder auf das typische Bieler Mittelmass hinuntergestutzt werden. Ich glaube aber auch, dass es die eine oder andere Vereinfachung geben wird und als unkompliziertes Förderinstrument zum Beispiel ein Kulturfonds geäufnet wird für unkonventionelle Projekte. Wichtig ist, dass die Vorschläge nun sorgfältig und wagemutig weiterverarbeitet werden.» Philipp Boë freischaffender Artist, Regisseur, Initiant von «Cyclope»

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